Welche Nummer wähle ich: 116 117 oder 112 bei psychischer Krise?

Wenn die Welt plötzlich zu eng wird, der Kopf nicht mehr aufhört zu rasen oder die Dunkelheit im Inneren so schwer wiegt, dass jeder Schritt zur Qual wird, dann ist die Frage „Wen rufe ich jetzt an?“ oft die schwerste Entscheidung überhaupt. Ich arbeite seit über einem Jahrzehnt in der Begleitung von Menschen in psychischen Krisen und ich weiß: In so einem Moment ist der Kopf nicht für bürokratische Erwägungen gemacht. Dennoch ist die Unterscheidung zwischen einem medizinischen Notfall und einer akuten psychischen Belastung entscheidend, um die richtige Hilfe zu bekommen.

Lassen Sie uns den Nebel lichten. Hier ist Ihr Leitfaden für den Notfall.

Die Entscheidungshilfe: Wer ist der richtige Ansprechpartner?

Viele Menschen scheuen sich, die 112 zu wählen, aus Angst, man könnte sie „nicht ernst nehmen“. Andere rufen den Bereitschaftsdienst, obwohl jede Minute zählt. Lassen kurkliniken.de Sie uns das klar trennen:

Situation Die richtige Nummer Was bedeutet das? Lebensgefahr (Suizidalität, akute Selbst- oder Fremdgefährdung) 112 (Notfall) Sofortige medizinische Intervention, Rettungsdienst, Notaufnahme. Dringend, aber nicht lebensbedrohlich (Panikattacke, Zusammenbruch, Symptomverschlechterung ohne akute Selbsttötungsabsicht) 116 117 (Bereitschaftsdienst) Ärztliche Hilfe außerhalb der Praxisöffnungszeiten, Vermittlung von Notfallkontakten.

Wann die 112 wählen (Notfall)

Die 112 Notfall ist für Situationen reserviert, in denen es um Leben und Tod geht. Wenn Sie bei sich oder anderen akute Suizidabsichten feststellen oder wenn die Situation so eskaliert ist, dass eine unmittelbare Fremdgefährdung besteht, zögern Sie nicht. Sagen Sie der Leitstelle klar: „Ich habe eine akute psychische Krise und fürchte, mir etwas anzutun.“ Das ist kein „Fehlalarm“, das ist ein Notfall, genau wie ein Herzinfarkt.

Wann die 116 117 wählen (Bereitschaftsdienst)

Der 116 117 Bereitschaftsdienst ist Ihre Anlaufstelle, wenn Sie Hilfe benötigen, die nicht bis zum nächsten Morgen warten kann, aber keine unmittelbare Lebensgefahr vorliegt. Sie sind „dringend, aber nicht lebensbedrohlich“ erkrankt. Die Mitarbeiter dort können Ihnen sagen, welches psychiatrische Krankenhaus in Ihrer Nähe Dienst hat oder wie Sie kurzfristig einen Arzt erreichen.

Symptome einordnen: Wo stehe ich gerade?

Psychische Krisen schleichen sich oft ein. Manche Menschen merken erst spät, wie tief sie in der Krise stecken, weil sie versuchen, „einfach positiv zu denken“ – was, seien wir ehrlich, bei einer klinischen Depression etwa so hilfreich ist wie ein Pflaster bei einem Beinbruch.

Um Ihre Situation besser einzuschätzen, nutzen Sie wissenschaftlich fundierte Instrumente. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet einen Online-Selbsttest an. Er ersetzt keinen Arztbesuch, gibt Ihnen aber eine erste, objektive Einordnung, ob Ihre Symptome eher auf eine leichte, mittlere oder schwere depressive Episode hindeuten.

    Leichte Symptome: Antriebsverlust, Grübeln, Stimmungstief. Hier ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner. Mittelschwere Symptome: Starke Einschränkung im Alltag, Schlafstörungen, soziale Isolation. Hier sollte eine Überweisung zum Facharzt (Psychiater/Psychotherapeut) dringend erfolgen. Schwere Symptome: Hoffnungslosigkeit, Vernachlässigung der Körperpflege, Suizidgedanken. Das ist ein Fall für die psychiatrische Ambulanz oder notfalls die 112.

Die Behandlungskombination: Warum das „Sowohl-als-auch“ oft Gold wert ist

Viele Patienten, die in meine Beratung kommen, haben Vorbehalte gegenüber Medikamenten oder fürchten sich vor einer Psychotherapie. Aus klinischer Sicht ist die Kombination aus beidem oft der effizienteste Weg.

Psychotherapie: Das „Warum“ verstehen

Die Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierte Therapie hilft Ihnen, Muster zu erkennen und Werkzeuge zu entwickeln, mit denen Sie künftige Krisen abfedern können.

Medikamente: Das „Wie“ überbrücken

Psychopharmaka (wie Antidepressiva) sind keine „Glückspillen“. Sie wirken eher wie ein Stützrad. Wenn Ihr Nervensystem so überlastet ist, dass Sie nicht einmal mehr dem Gespräch in einer Therapiestunde folgen können, können Medikamente helfen, die biologische Reizüberflutung zu dämpfen, damit Sie überhaupt wieder therapiefähig werden.

Wenn der Standard nicht greift: Therapierefraktäre Depression

Was passiert, wenn Sie bereits Medikamente und Therapie versucht haben, aber keine Besserung eintritt? In der Fachwelt sprechen wir hier oft von einer therapieresistenten Depression (oder fachlich: therapierefraktär). Das bedeutet nicht, dass Sie „unheilbar“ sind, sondern nur, dass Ihr Gehirn auf die Standardansätze nicht wie erwartet reagiert.

Moderne Kliniken bieten hier spezialisierte Verfahren an:

rTMS (repetitive Transkranielle Magnetstimulation): Ein schmerzfreies Verfahren, bei dem magnetische Impulse gezielt bestimmte Hirnareale stimulieren. Esketamin-Nasenspray: Ein neuerer Ansatz, der oft bei schweren, therapieresistenten Verläufen unter strenger ärztlicher Aufsicht in Kliniken eingesetzt wird.

Wenn Sie das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten, sprechen Sie Ihren Psychiater explizit auf diese Möglichkeiten an. Scheuen Sie sich nicht, eine Zweitmeinung in einer psychiatrischen Universitätsklinik einzuholen.

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Digitale Unterstützung: DiGA – Apps auf Rezept

Ein wichtiger Stolperstein in der Versorgung ist die Zeit zwischen den Therapiestunden. Hier setzen sogenannte DiGA (Digitale Gesundheitsanwendungen) an. Das sind „Apps auf Rezept“. Sie sind wissenschaftlich geprüft und werden von der Krankenkasse übernommen.

Apps wie deprexis oder ähnliche Programme können Ihnen helfen, Techniken der Kognitiven Verhaltenstherapie zu Hause anzuwenden. Sie sind kein Ersatz für einen Therapeuten, aber ein exzellentes Werkzeug, um die Zeit auf der Warteliste sinnvoll zu nutzen.

Nächste Schritte: Was Sie heute tun können

Listen Sie Symptome auf: Schreiben Sie auf, was Sie quält (Schlaf, Appetit, Gedanken). Das hilft Ärzten, Sie schnell einzustufen. Fragen Sie nach DiGA: Fragen Sie Ihren Hausarzt oder Psychiater nach einem Rezept für eine zugelassene App zur Depressionsbewältigung. Sichern Sie das Umfeld: Wenn Sie sich instabil fühlen, geben Sie einer Vertrauensperson den Hinweis: „Mir geht es gerade nicht gut, bitte behalte mich im Blick.“ Notfallliste bereithalten: Legen Sie sich einen Zettel neben das Bett:
    Nummer der 112 (Notfall) Nummer der 116 117 (Bereitschaftsdienst) Telefonnummer Ihres Psychiaters/Therapeuten Telefonnummer der Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (rund um die Uhr anonym)

Ein letztes Wort von mir: Bitte hören Sie auf, die Schwere Ihres Leidens kleinreden zu wollen. Nur weil Sie noch aufstehen können, heißt das nicht, dass Sie nicht dringend Unterstützung brauchen. Der Weg durch das deutsche Gesundheitssystem kann holprig sein – mit langen Wartelisten und komplizierten Anträgen. Aber dieser Weg ist gangbar. Suchen Sie sich Hilfe, und wenn der erste Versuch nicht klappt, versuchen Sie es beim nächsten. Sie sind es wert.

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